“Die Lernmaschinen waren [...] ein Zückerchen” – Das Gelfinger Schulexperiment von 1968 bis 1972

Daniel Deplazes, Gewinner des Tintenfasspreises 2021




Der Film The Blackboard Jungle aus dem Jahr 1955 erzählt die Geschichte eines Lehrers, der

mit dem Unterricht einer disziplinarisch verwahrlosten Klasse betraut wird. Die pädagogischen Grenzerfahrungen, die der Erzieher in gewohnter Hollywood-Manier erlebt – Gewalt, Drogen, der Versuch eines Schülers, eine Lehrerin zu vergewaltigen –, werden erst dann überwunden, als der Pädagoge beginnt, den Unterricht mit technischen Apparaten zu bereichern. Dank des Einsatzes von Tonbandgerät und Filmprojektor gelingt es dem Lehrer erstmals, die renitenten Schüler zu Diskussionen über Lernstoffe zu animieren. Bei Erfolgen – und nicht nur bei pädagogischen – sind klassischerweise kritische Stimmen meist unverhofft schnell zur Stelle. In diesem Fall bezweifelt einer seiner Lehrerkollegen, dass mit Filmen bedeutsames Wissen vermittelt werden könnte. Auf die Frage, ob nun “visual education” die Antwort sei, um zu den Jungen durchzudringen, meint der noch aufgrund seines Erfolgs euphorische Lehrer: “Yeah, partly. If you just get them stimulated!”1

Dass Technologie gerade 1955 in einem Spielfilm als erfolgsversprechende Unterrichtshilfe

porträtiert wurde, ist kein Zufall. In den 1950er Jahren hatte die Frage der technologischen

Hilfsmittel für den Schulunterricht in den USA Konjunktur. So wurde 1953 das erste nationale

Bildungsfernsehen eingerichtet, in dessen Sendungen wissenschaftliche Experten auftraten, um primär Naturwissenschaften für Schulen zu vermitteln.2 Die Bemühungen um die

Qualitätssteigerung des Wissens von Kindern und Jugendlichen in US-Schulen war spätestens nach dem ‘Sputnik-Schock’ (1957) – als Förderung des zukünftigen wissenschaftlichen Nachwuchses im Kalten Krieg – nicht zuletzt militärisch motiviert.3 Die Erfindung und Implementierung weiterer Apparaturen wie Sprachlabore, Videogeräte, Hellraumprojektoren sowie sogenannte Lernmaschinen beflügelten eine internationale pädagogische Debatte um die Effizienzsteigerung des Unterrichts dank Technologie, die sich auch in der Schweiz ab den 1960er Jahren zunehmend beobachten lässt.4



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1 The Blackboard Jungle, Regie: Richard Brooks. Beverly Hills: Metro-Goldwyn-Mayer, 1955.

2 Ludy T. Benjamin, “A History of Teaching Machines”, American Psychologist 43, Nr. 9 (1988): 708; Anne Rohstock, “Antikörper zur Atombombe. Verwissenschaftlichung und Programmierung des Klassenzimmers im Kalten Krieg”, in Den Kalten Krieg neu entdecken. Beiträge zur sozialen Ideengeschichte, hrsg. von Patrick Bernhard und Holger Nehring

(Essen: Klartext, 2014), 266–67.

3 Daniel Tröhler, “The technocratic momentum after 1945, the development of teaching machines, and sobering results”, Journal of Educational Media, Memory, and Society 5, Nr. 2 (2013): 1–19. Der Zweite Weltkrieg – besonders die ‘Effektivität’ der Atombombe – war bedeutsam für zahlreiche Schulreformen der Nachkriegszeit in den USA, die

sich später auf andere Länder auswirkten. Ein Machbarkeitsglaube, geprägt von Rationalität, klaren Strukturen, einer Priorisierung naturwissenschaftlicher Wissenschaft und nicht zuletzt der technologische Fortschritt beflügelte die damaligen Bildungsreformen (Rohstock, “Antikörper zur Atombombe”).

4 Anne Bosche und Michael Geiss, “Das Sprachlabor – Steuerung und Sabotage eines Unterrichtsmittels im Kanton Zürich, 1963-1976”, Jahrbuch für historische Bildungsforschung 16 (2010): 119–39; Andreas Hoffmann-Ocon und Rebekka Horlacher, “Technologie als Bedrohung oder Gewinn? Das Beispiel des programmierten Unterrichts”, Jahrbuch für

historische Bildungsforschung 20 (2015): 153–75; Daniel Deplazes, “‘Balance of mind [...] seems more necessary than the promotion of teaching machines’ – Technology in Swiss Schools in the 1960s”, Bildungsgeschichte. International Journal for the Historiography of Education 10, Nr. 1 (2020): 42–63.


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